Diese Geschichte hat Peter Paul Rubens so sehr fasziniert, dass er gleich mehrere Versionen malte.: Achilles trägt jeweils ein wallendes rotes Kleid und verrät sich unter den Mädchen dadurch, dass er in seinem Ungestüm bei einem Streit unter den Mädchen zur Waffe greift.
Im alten Rom sind Männer in Frauenkleidern sogar unter den Kaisern belegt. So berichtet der Geschichtsschreiber Sueton über Kaiser Caligula: "In Kleidung als Venus kostümiert, ließ er sich sehen." Und sein Amtsnachfolger Nero wurde in der Kunst des 17. Jahrhunderts zu einer Kultfigur zwischen Anziehung und Ekel.
Um 1600 waren Männer in Frauenkleidern in der Kunst allgegenwärtig: In seinem Theater in London besetzte Shakespeare alle weiblichen Rollen mit hübschen jungen Männern. Und vor diesem Hintergrund vermuten manche Kunsthistoriker, dass auch für Leonardo da Vincis Monal Lisa eigentlich ein Mann-Portrait ist - derselbe, den er auch als Modell für seinen Johannesknaben verwendet hat.
Vielleicht ist genau diese herbe Mannweiblichkeit der Mona Lisa, welche Generationen von Kunstliebhabern so sehr faszinierte.
Gut vorstellbar, dass darunter auch etliche Männer waren, die selbst mit ihrer homosexuellen Seite zu kämpfen hatten. Der französische Historiker Julet Michelet (1798-1874) beschreibt
Das geheimnisvolle Lächeln des mannweiblichen Wesens ist jedenfalls über die Zeiten hinweg ein Thema in der Kunst geblieben. Ein schönes Beispiel für eine solche Hommage an Leonardo ist das Bildnis des Tänzers Alexander Sakharow im knallroten Frauengewand von Alexej von Jawlensky im Münchner Lehnbachhaus.
Ob er es will oder nicht, zieht der Künstler sein Publikum in eine Welt erotischer Zweideutigkeit hinein- und das Publikum ist diesem Spiel wehrlos ausgeliefert, denn das Gesehen-Haben lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Wie der einzelne mit einer solchen künstlerischen Provokation umgeht, kann höchst unterschiedlich sein:
Reaktion der Abwehr: Es folgt der Ruf nach dem Zensor für erotisch anstößige Kunst – und die Vehemenz der Ablehnung das möglicherweise gerade deswegen, weil bei solchen Menschen innere Anteile angesprochen werden, die der Betroffene selbst nicht wahrhaben will.
Genüssliche Rezeption der Frivolität: Die Kunst stellt einen erlaubten Rahmen für sonst Undenkbares da. Das erklärt vielleicht, warum gerade Kleriker im Zeitalter der Renaissance zu den größten Kunstsammlern von Nacktbildern gehörten, wie etwa bei Tizians neapolitanischer Danae, geschaffen für den Kardinal Farnese. Wobei sich bei einem Kleriker natürlich die Frage stellt, ob statt der liegenden Danae nicht eher der kindliche Putto das eigentliche Objekt der Begierde ist.
Zum Abschluss hier eine Liste weiterer berühmter Kunstwerke mit Männern in Frauenkleidern:
Filme:
River Quai von David Lean (1957): Soldatenballett zur Brückeneinweihung
Some like it hot von Billy Wilder (1959)
François Ozon: Eine neue Freundin (1015)
Literatur:
Virginia Woolf: Orlando (1928). Ein junger Adeliger findet sich in einem Frauenkörper wieder.
Musik:
Wolfgang Amadeus Mozart: Figaros Hochzeit (1786). Der Page Cherubino in Frauenkleidern schwankt zwischen den Geschlechtsidentitäten.
Ludwig van Beethoven: Fidelio (eine Frau in Männerkleidern)
Conchita Wurst gewinnt European Song Contest 2014
Aus der ICD-10 (Krankheitenkatalog der Weltgesundheitsorganisation)
Fetischistischer Transvetismus
Zur Erreichung sexueller Erregung wird Kleidung des anderen Geschlechts getragen; damit wird der Anschein erweckt, dass es sich um eine Person des anderen Geschlechts handelt.
Fetischismus
Gebrauch toter Objekte als Stimuli für die sexuelle Erregung und Befriedigung.
Aus der Sicht der Sexualtherapie gehört das Thema Männer in Frauenkleidern in den Bereich Fetischismus. (Vgl. meinen Beitrag : Was ist Fetischismus?
Das unbelebte Objekt Frauenkleid wird als sexueller Stimulus genutzt - eine Provokation, die in der Kunst zu allen Zeiten gut funktionierte.
Dr. Michael Petery (*1964 in München) arbeitete nach seinem Studium in Tübingen, Paris und Berlin als Studienreise-Veranstalter. Ergebnis jahrelanger Beschäftigung mit der italienischen Renaissance ist seine doppelbändige Michelangelo-Romanbiografie. 2010 kehrte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter zurück an die Universität - an die Professur für Spiritual Care am Uniklinikum München-Großhadern.
Für seine Promotion zum "Dr. hum.biol." zur "Betreuung Schwerkranker und Sterbender an Bayerischen Jüdischen Gemeinden" erhielt er 2016 den Forschungspreis der Internationalen Gesellschaft für Gesundheit und Spiritualität.
Heute arbeitet Dr. Michael Petery in seiner Praxis für Psychotherapie (gemäß Heilpraktikergesetz) in Hildburghausen nördlich von Coburg.
Auf seinem Blog zeigt er Fallbeispiele und wissenschaftliche Erkenntnisse rund um die vielen Spielarten des Sex.
Kontakt: Dr. Michel Petery
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